Am Hunde vor dem Tore

Des frühen Nachmittags kam ich an ein prächtiges Tor, an das ein Hund gekettet war. Ich wollte hindurch­schreiten, doch der Hund bellte gar fürchterlich und drohte mit gefletschten Zähnen. So hielt ich in sicherem Abstand inne und fragte mich, was zu tun sei.

Da sagte der Meister zu meiner Linken: »Sieh, ich habe einen Sack bei mir, mit allerlei Knochen. Große und kleine, echte und künstliche, abgenagte und nahrhafte. Ziehe wahllos einen Knochen aus dem Sack und zeichne mit ihm einen Kreis auf den Boden vor dir. Wähle den richtigen Abstand! Der Hund muss den Kreis mit straffer Kette gerade noch betreten können! Dann richte den Knochen auf den Hund und befehle ihm, in den Kreis zu treten. Werfe den Knochen hinein und warte, bis der Hund herannaht. Sobald er im Kreis ist, singe das Lied der Ahnen und hüpfe neunmal um ihn herum, doch nimm dich in Acht! Nach dem neunten Mal, wenn du deine Ausgangsposition erreicht hast, verstumme. Schicke den Hund zurück, verwische den Kreis und begebe dich außerhalb seiner Sichtweite. Führe dieses Ritual jeden Tag zur selben Zeit durch. Jeden Tag achte darauf, alles gleich zu tun, nur ziehe immer einen anderen Knochen wahllos aus dem Sack. Eines Tages weißt du: ‚Der Hund wird mich unbehelligt passieren lassen.‘ Dann durchschreite zielstrebig das Tor. »

Da sagte der Meister zu meiner Rechten: »Schau nicht auf den Hund, schau nur auf das Tor. Gehe hindurch!«

Ich befolgte seinen Rat und der Hund zerfleischte mich.

Ob aller schmerzhaften Wunden konnte ich meinem Zorn auf den Meister nicht nachgeben. Zu gerne hätte ich mich auf ihn gestürzt, ihn zerfleischt wie der Hund mich. Allerdings, ich war gelähmt und brauchte lange, um mich zu erholen. Hätte ich doch auf den Meister zu meiner Linken gehört! Niemand, der seinem Rat folgte, zog so schwere Wunden davon! Und doch verspürte ich wenig Lust, mich auf komplizierte und langwierige Rituale einzulassen.

Da sagte der Meister zu meiner Rechten: »Richte nicht! Gehe deinen Weg! Und sei es der rechte!«

Frischen Mutes setzte ich mich in sicherer Entfernung vor den Hund. So verharrte ich lange und ließ meinen weichen, aber durchdringenden Blick nicht von ihm. Dann sagte ich zu dem Hund: »Ich weiß, du willst einen Knochen. Ich werde dir keinen geben, weil ich dich liebe.«

Alsdann stand ich auf und durchschritt das Tor.