Der Phantast

»Wo ist Friedolin?« fragte Usara plötzlich, als die Feier schon in vollem Gange war. »Was?« raunte Elegon zurück, der sein eigenes Wort nicht verstehen konnte. Tempo und Lautstärke der Musik erreichten einen neuen Höhepunkt, ebenso wie die Stimmung im Festsaal. Das ganze Dorf war zusammengekommen, um die Vermählung der Großen Erdkönigin mit den neckischen Zaren des himmlischen Reigens zu feiern. Die Dorfältesten hatten die Kinder schon lange auf diesen Tag eingeschworen: »So etwas kommt nur einmal in tausend Jahren vor!« Nun zierte den Horizont ein verheißungsvolles, farbiges Leuchten. Ein Schauspiel, wie es die Dorfbewohner noch nie zu Gesicht bekommen hatten. An einem gewöhnlichen Tag hätte die Dunkelheit längst das Gnomenland bedeckt.

»Wo ist Friedolin?« brüllte Usara in Elegons Ohr. Dieser setzte seinen Krug auf dem Tisch ab, während sich die anderen munter zuprosteten. »Keine Ahnung, ist mir egal!« gab er ebenso laut zur Antwort. Sie zupfte energisch an seiner Weste, während er im Begriff war, den Krug wieder anzuheben. »Komm, wir müssen ihn suchen! Wer weiß, was er schon wieder treibt!« Elegon hatte wahrlich keine Lust, sich das ausgelassene Treiben entgehen zu lassen. »So eine Sause erleben wir nur einmal im ganzen Leben! Da will ich nicht wieder nach deinem eigenwilligen Bruder suchen müssen!«

Eigenwillig war er, das musste Usara zugeben. Vor einer Weile war Friedolin noch im Wirtshaus gesehen worden, natürlich nicht mitten im Getümmel, sondern am Rande, wo er geistesabwesend in die Menge blickte. Doch wo war er nun? »Typisch,« dachte sie, »das ganze Gnomenland befindet sich im Freudentaumel und mein Bruder muss flüchten.« Mit einer Mischung aus Groll und Zärtlichkeit blickte sie in die Ferne, als ob sie ihren Bruder durch die Wände der Gaststätte erspähen könnte. Da wurde sie jäh aus ihren Gedanken gerissen. Der volltrunkene Tischnachbar zu ihrer Rechten hatte sie angerempelt. »Was mache ich hier eigentlich?« dachte sie bei sich. »Also ich gehe jetzt! Kommst du mit?« schrie sie in Elegons Richtung, der mittlerweile auf dem Tisch tanzte. »Bist du überhaupt noch nüchtern?« fügte sie hinzu, als ob dieser Nachsatz irgendeinen Unterschied machte. »Nein,« brüllte er zurück, »aber ich wäre auf bestem Wege dazu, wenn du nicht nerven würdest!« Kurzentschlossen packte sie ihre Jacke. Auf dem Weg nach draußen wurde sie in verschiedene Richtungen gedrängt, mehrmals gestoßen und mit bösen Blicken bedacht. Wie könne sie sich zu dieser frühen Stunde von einer Jahrtausendfeier verabschieden?

Endlich Luft! Endlich Ruhe! Usara war draußen angekommen. Noch bevor sich ihre Sinne sammeln konnten, tauchte jemand neben ihr auf. Es war Matoris, ihre treueste Freundin. »Ich habe gesehen, dass du schon gehst. Hast du wieder Sorge um um deinen Bruder?« Usara nickte nur und fiel ihrer Freundin erleichtert in die Arme. »Auf dich ist Verlass!« Als ob sie ihren Entschluss festigen müsste, blickte sie zurück auf das Wirtshaus, das aus allen Nähten zu platzen schien. »Seltsam,« dachte sie plötzlich, »wieso feiert das ganze Dorf drinnen, auf engstem Raum, wenn hier, unter dem Horizont, so viel Platz ist?« Das ferne Leuchten zwischen Himmel und Erde erschien ihr auf einmal realer als die Orgie in nächster Nähe. »Lass uns gehen,« meinte Matoris, »mir wurde es drinnen sowieso zu viel.« Usara wusste, dass dies nur halb stimmte. Ihre Freundin war bekannt dafür, dass sie gerne feierte, wenn auch nie besonders ausschweifend.

Als sich die beiden ein paar Meter in den Wald begeben hatten, vernahmen sie ein Keuchen hinter sich. Elegons Stimme hastete ihnen hinterher: »Euch kann man nicht allein lassen, genau wie Friedolin! Seid ihr verrückt? Allein in den dunklen Wald zu gehen?« »Ich dachte, du wolltest…« gab Usara zurück, als Elegon die beiden endlich eingeholt hatte. »Ja, ich wollte!« Er betonte jede Silbe, um vorwurfsvoll zu klingen. »Wie wollt ihr ihn denn finden?« Dank des ungewöhnlichen Leuchtens am Horizont schimmerte genug Licht durch das Geäst, um den drei Freunden Orientierung zu geben. So bahnten sie sich den Weg, auf’s Geratewohl. Unter ihren Füßen knackten die Äste, während der Lärm aus der Feierstätte mehr und mehr in den Hintergrund drang. »Ich muss zugeben,« meinte Elegon plötzlich, »hier draußen ist es wunderbar still. Und dieses Leuchten, das die anderen mit Grog und Most feiern, ist so…« Er rang nach Worten. »…sanft!« ergänzte Matoris. Sogleich tauschten die beiden Gnominnen verwunderte Blicke aus. Es waren ungewohnte Worte für Elegon, der für gewöhnlich ein tatkräftiger und kein nachdenklicher Zeitgenosse war. Nach ein paar Augenblicken fuhr Elegon fort: »Was ist dieses Leuchten im Vergleich zum künstlichen Licht, dort in der Dorfstube, wo sie eigentlich dieses kosmische Ereignis, dieses Leuchten feiern? Ich verstehe es nicht mehr.« Abermals warfen sich die Gnominnen verwunderte Blicke zu. Vor einer halben Stunde war ihr Begleiter noch im Begriff, sich zu betrinken.

Usara beschlichen Zweifel. Immerhin waren sie zu dritt unterwegs. Doch wie sollten sie Friedolin finden? Dass er im Wald war, war klar. Es zog ihn immer dorthin, wenn er Abstand vom geschäftigen Treiben im Dorf brauchte. Doch nun wurde es immer dunkler. Mit jedem Deut, den das Schauspiel am Horizont nachgab, hielt die gewohnte nächtliche Dunkelheit Einzug. Als ob sie Usaras Niedergeschlagenheit teilte, meinte Matoris: »Ich glaube, es hat keinen Sinn. Mir wird kalt und ich will nach Hause!« Just bevor die Freunde umkehren wollten, erreichten sie eine Lichtung.

Dort saß eine Gestalt auf dem Boden, mit aufrechtem Rücken, den Blick gebannt emporgerichtet, als ob sie etwas beobachtete. »Friedolin!« Voller Freude lief Usara auf die Gestalt zu. Friedolin drehte seinen Kopf, erblickte seine Schwester und lief freudestrahlend in ihre Richtung. »Endlich!« schrie Usara beinahe hysterisch, »Was machst du denn?« Nach einer engen Umarmung fasste sie ihren Bruder an der Hand und meinte: »Komm, lass uns nach Hause gehen!« Matoris und Elegon harrten am Rande der Lichtung aus und atmeten erleichtert durch. Doch Friedolin konnte sich nicht lösen. Während Usara seine Hand festhielt, wandte er sich um und zeigte mit dem Finger der anderen Hand ins Leere. »Dort, seht ihr,« sagte er mit klarer Stimme, obwohl er nicht ganz bei Sinnen zu sein schien, »der blaue Schmetterling!« Weder Usara noch ihre Weggefährten konnten einen blauen Schmetterling erkennen, zumal die Dunkelheit unaufhaltsam niedersank.

»Endlich habe ich ihn gefunden,« fuhr Friedolin unbeirrt fort, »es gibt ihn noch! Ich dachte schon, er wäre aus unserem Land verschwunden, doch jetzt habe ich wieder Hoffnung!« Usara drängte ihn zum Gehen. »Endlich haben wir dich gefunden, Friedolin. Lass uns heimgehen, es ist schon dunkel!« Schließlich wandte er sich ihr zu. »Ja, du hast recht, Schwesterherz, lass uns heimgehen. Ich habe schon zu lange hier draußen gesessen.« Schließlich verließen die vier die Lichtung und marschierten heimwärts. Da die Dunkelheit den ganzen Wald ergriffen hatte, war dies ein schwieriges Unterfangen. »Lasst mich vorangehen!« rief Friedolin, bevor er sich an die Spitze der Gruppe setzte. Durch seine häufigen Exkursionen bis in die späten Abendstunden war er darin geübt, bei spärlichem Licht den Weg zu finden. Seine unergründliche Sicherheit beruhigte allmählich die anderen, die sich zunächst ängstlich an den Händen hielten.

Als sie nach einer Weile den Waldrand erreicht hatten und schnurstracks auf das Wirtshaus zuschritten, erkannten die vier einige Gnome, die torkelnd umherirrten oder regungslos auf dem Boden lagen. Einer von ihnen, sie konnten ihn wegen der Dunkelheit nicht erkennen, murmelte etwas Unverständliches. Es hörte sich an wie »weiße Mäuse«. Vor Usaras und Friedolins Haus trennten sich die Freunde schließlich. »Gottseidank ist das gut ausgegangen!« meinte Matoris. »Gute Nacht!« Sie und Elegon mischten sich unter die anderen Heimkehrer, die noch nicht zu betrunken waren, um ihr eigenes Haus zu finden.

Usara und Friedolin lagen bald in ihren Betten. Sie starrte in die Luft, die Bettdecke bis zur Unterlippe herangezogen, um sich aufzuwärmen. Ihr Bruder schien schon zu schlafen, was ungewöhnlich war. Nun war sie es, die nicht schlafen konnte. Der Mond schien fahl durch das leicht geöffnete Fenster. Sein Schimmer war nicht vergleichbar mit dem Leuchten, das noch vor wenigen Stunden auf so ungewöhnliche Weise die Welt erhellt hatte. Gerade als Usara die Augen schließen wollte, erkannte sie ein Flattern über ihrem Bett. Etwas Fahlblaues, das den Schimmer des Mondes einfing und ihn mit neuem Leben wieder ausstrahlte. Sie richtete sich auf und wollte genauer hinsehen, als dieses Etwas schon wieder durch das Fenster verschwunden war. Nachdenklich sank sie in ihre Kissen zurück und lag eine ganze Weile wach.