Gott und Göttin

»Deine Höhe und deine Tiefe sind unermeßlich,« sagte sie. »Nie werde ich auch nur im Traume deine höchste Höhe und deine tiefste Tiefe erreichen. Um nicht zu sagen: Ich erschaudere!«

Als er zu der Wegkreuzung zurückkehrte, wartete sie bereits und nahm ihn mit ausgebreiteten Armen in Empfang. Dies war stets der schönste Moment. Sie beide hörten auf zu existieren.

»Meine Liebste,« begann er nach einer Weile, »welch‘ Glück, in deine Arme zurückzukehren! Ich war sehr allein.«

»Und doch, mein Liebster,« hob sie an, »treibt es dich stets aufs Neue fort von mir! Wüßte ich nicht um dein Los und gliche meine Liebe nicht einem ewigen Quell – ich verginge vor Gram!«

»Sieh‘, deine Liebe ist’s, die mich zur Rückkehr ruft – Mal um Mal. Sie ist’s, die mich zum Aufbruch drängt – wieder und wieder. Denn deine Liebe kennt weder Hoch noch Tief. Vor ihr ist alles gleich!«

»So sprich!« brach es aus ihr heraus, »Was ist’s diesmal, was du errungen hast?«

Er holte zwei kleine Beutel hervor, jeweils mit einer Kordel verschnürt. Wie es ihrer beider Ritual war, schmiegte sie sich an ihn und harrte seiner Darbietung. Er wiederum ließ sich von ihrer Zuwendung einhüllen und öffnete mit ausladender Geste den ersten Beutel. Ja, sie wußte, vor seiner Liebe war nicht alles gleich. Sein Teuerstes teilte er nur mit ihr.

»Unsägliche Qual nahm ich auf mich, um dir dies zu reichen: Salz aus dem Tal der Tränen!« Alsgleich öffnete er den zweiten Beutel mit ebenso großer Geste und sprach: »Und gewahre dies: Sternenstaub aus einer fernen Galaxie! Beides vermöge deinem Dasein Würze zu verleihen!«

Mit verzückter Miene kostete sie und zollte ihm Bewunderung. »Du weißt,« fuhr er fort, »nur in deinen Armen wähne ich mich geborgen. Nur in deinen Armen ereilen mich süße Träume. Ich danke dir, dass du meiner wartetest. Ich danke dir, dass du meine Gaben annahmst.«

»Dank gebühre dir, der du mich des Geschmacklosen enthebst!« sprach sie und gab ihm einen Kuss. Sodann sprang sie auf, den anderen von seinen Errungenschaften zu künden.

Sein Herz hegte nicht nur tiefste Zuneigung, sondern auch Wehmut. Wie sehr wünschte er, er könne sie in jene Gefilde führen. Stattdessen blieb ihm nichts anderes, als ihr nach jeder Wiederkehr das Errungene zu reichen. Als er so dasaß, und sie aus der Entfernung beobachtete, dachte er bei sich: »Nie werde ich auch nur im Traume deine engste Enge und deine weiteste Weite erreichen. Um nicht zu sagen: ich erschaudere!«