Höhlengleichnis

Endlich hatte ich das Monstrum aufgefunden. Auf einem Felsvorsprung tief unter der Erde machte es sich breit und schien meine Gegenwart nicht zu registrieren. Allem Anschein nach handelte es sich um ein feiges Exemplar, das dem Kampf von Angesicht zu Angesicht nicht gewachsen war. Schon lange hatte ich ihm nachgestellt, um seinem Treiben ein Ende zu bereiten. Schließlich geschah es Tag für Tag aufs Neue: In einem kostbaren Moment der Untätigkeit und Ruhe vernahm ich aus der Ferne sein erbärmliches Fauchen. Vor allem nachts, in der Ohnmacht des Schlafs, überfiel mich das Ungetüm mit lautem Gezeter und riß mich aus tiefster Bewusstlosigkeit. Kaum war ich wach, holte ich mit dem Zorn eines nächtlich Gestörten aus… Da war das Monstrum wie vom Erdboden verschluckt.

Doch nun ruhte es arglos vor seiner Höhle. Langsam tastete ich mich in spärlichem Licht voran. Ein jeder Schritt konnte fatal sein. Entweder, ich rutschte ab und stürzte in den Abgrund oder ich schreckte das Ungeheuer auf und war ihm schutzlos ausgeliefert. Zu meiner Beruhigung registrierte ich, wie sich meine Augen nach endlosen Erkundungen im Erdinneren an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatten. Schließlich verharrte ich hinter einem Stein. Der Koloss lag buchstäblich zu meinen Füßen. Da er mich nicht bemerkt zu haben schien, musterte ich ihn eingängig mit einer Mischung aus Entschlossenheit und Angst. War dies möglich? Wenn ich meinem Farbsinn in der Dunkelheit noch trauen konnte, war seine Haut grün. Fahlgrüne Zacken erhoben sich auf seinem Rücken. Über dampfenden Nüstern blickten treuherzige Augen in meine Richtung. Dies war ein Drache! Ein Drache, der einen Höhleneingang bewachte!

Mit einem Mal war ich mir nicht mehr sicher, ob ich jenes Wesen zurecht für abscheulich gehalten hatte. All meine Mordgelüste verkümmerten schlagartig. Und so verließ ich behutsam mein Versteck. Zaghaft zuckte der Drache und wich einen Schritt zurück. Geradewegs blickte ich ihm in die Augen. Nun, vielleicht handelte es sich nicht um ein feiges Tier, wohl aber um ein scheues. Sein Blick löste eine Woge von Liebe tief in meinem Herzen aus, derer ich mich nicht lange erwehren konnte. Ich tat einen weiteren Schritt auf ihn zu. Er wich abermals zurück. Was sollte ich tun? Verjagen wollte ich das liebenswerte Geschöpf nicht. Vielmehr wollte ich mit ihm in Verbindung treten, es näher kennen lernen. Den Grund für die nächtlichen Ruhestörungen erfahren. Schließlich streckte ich meine Hand zu ihm aus – als Friedensangebot, oder auch nur, um seinen Kopf zu tätscheln – da geschah etwas Unerwartetes. Eine Kugel aus Licht. Der Drache löste sich in einer Kugel aus Licht auf. Keine Ahnung, warum. Mir ist es bis heute ein Rätsel.

Lange blickte ich ins Leere. Dorthin, wo die Lichtkugel schon längst wieder verblichen war. Für einen Moment war alles erleuchtet gewesen! Nur allmählich kam ich wieder zu Sinnen. Der Eingang zur Höhle, er war frei! In diesem Moment wurde mir klar, dass im Rund des Felsenlochs eine Frau stand und auf mich wartete. Sie war nackt. Wortlos bedeutete sie mir, ihr hinein zu folgen. Der sich nun bietende Anblick reizte mein Erstaunen bis zum Äußersten: Die Höhle war unermesslich groß und keineswegs dunkel. Ich erblickte Wände und Gewölbe aus schimmerndem Gestein, das in in warmes Licht von zartem Rosa und Orange getaucht war. Auch Töne von Violett konnte ich vernehmen. Trotz der harten Felsen, die das Höhlensystem stützten, machte es einen ungemein »gemütlichen« Eindruck auf mich. Hier konnte man sich geborgen fühlen. Als ich vorsichtig die Wände betastete, bemerkte ich den feinen Wasserfilm, der sie überzog. Auch gab es Wasserläufe im felsigen Boden. Die Frau verblieb die ganze Zeit an meiner Seite und quittierte meine Verwunderung mit einem wissenden Lächeln.

Schließlich drängte sie mich in eine enge, pechschwarze Gasse, die sogleich Beklemmungen in mir hervorrief. Wir mussten krabbeln, da die Höhe der Decke keinen aufrechten Gang zuließ. Wo war das Licht am Ende des Tunnels? Kaum wollte ich aufgeben, da schob sie mich von hinten erbarmungslos weiter. So ging dies unzählige Male. Zu allem Überdruß bemerkte ich, dass der Weg aufwärts führte. Sollte ich nun auch noch gegen die Schwerkraft vorgehen? Nach langem, zähem Vorantasten erreichten wir schließlich ein Plateau. Dort saßen wir nun zu zweit, nebeneinander, auf steinerndem Boden, vor uns der Abgrund. Keiner von uns wagte die Stille, die sich nun darbot, mit dem geringsten Wort zu durchbrechen. Ewigkeit um Ewigkeit verging. Mir wurde so vieles klar. Und unvermittelt fing die Frau an meiner Seite an zu weinen. Da wußte ich, dass auch ihr so vieles klar geworden war.

Plötzlich wandte sie mir unverwandt den Blick zu und sprach verheißungsvoll: »Es geht noch weiter. Es gibt noch ein Plateau. Komm‘ mit!«