Müllerchens Traum

Es war einmal ein Müller, der mit seinem Sohn in einer Windmühle allein auf weiter Flur wohnte. Der Jüngling konnte dem arbeitsamen Leben seines Vaters wenig abgewinnen. Schon immer träumte er davon, in die weite Welt hinauszuziehen und Abenteuer zu erleben. Nachdem sein Vater gestorben war, hielt ihn nicht mehr viel an Ort und Stelle. Er streifte tagsüber durch die Wälder, zwitscherte mit den Vögeln, tollte mit den Füchsen und machte mal in diesem, mal in jenem Dorf Halt. Nur ab und zu kehrte er in die Mühle seines Vaters zurück, um nach unsteten Tagen ein wenig Ruhe zu finden. Dies ging eine Weile gut, bis allerhand Getier die Mühle bevölkerte.

Käfer und und Mäuse gaben sich in der Wohnstube ein Stelldichein, Ratten hatten bald das Bett zerfressen. Je ungemütlicher es in der Mühle wurde, desto seltener wollte der Müllerssohn dorthin zurückkehren. Doch auch die Wanderschaft erfreute ihn immer weniger. Bald sehnte er sich nach der Geborgenheit, die er aus früheren Tagen kannte. Er beschloss, wieder in die Mühle einzuziehen und den Beruf seines Vaters aufzunehmen.

Doch dies gestaltete sich schwierig. Als der Jüngling in die Mühle zurückkehrte, hatten nicht nur Vögel ihre Nester unter dem Dach gebaut, auch ein Mann in zerlumpten Kleidern hatte sich wohnlich einge­richtet. »Verzeiht,« rief dieser, »das ist meine Bleibe!« Der Müllerssohn traute seinen Ohren nicht, war dies doch seine Mühle! So erwiderte er voller Zorn: »Du glaubst wohl, du kannst einfach die Häuser anderer Leute beziehen! Geh‘ aus meinen Augen! Diese meine Mühle gehörte einst meinem ehrenwerten Vater!«

»Verzeiht,« sprach der Mann, »ihr seid doch nur ein Landstreicher wie ich! Auch ich könnte mich als Sohn des einstigen Müllers ausgeben! Dieses Haus stand lange verlassen!« Der Müllerssohn hatte alle Mühe, den ungebetenen Gast zur Tür hinaus zu drängen. Kaum war dies geschafft, verriegelte er die Tür. Nun war der Jüngling allein inmitten all der Käfer, Mäuse und Ratten. Da sein Bett nicht mehr zu gebrauchen war, musste er die Nacht auf dem Boden verbringen. Aus den Augenwinkeln sah er das Geziefer vorbeihuschen. Um ihn herum keuchte und fleuchte es. So fand er keinen Schlaf.

Als er am nächsten Morgen erwachte, traute er seinen Augen kaum: Der Landstreicher schlief seelenruhig in einer anderen Ecke des Hauses. Wie war er hereingekommen? »Aufwachen!« herrschte der Müllerssohn ihn an und drängte ihn erneut zur Tür. Diese war noch immer verriegelt. Missmutig murmelte der Mann »…lässt die Fenster sperrangelweit offen und wundert sich, wer alles hereinkommt…« Schließlich gab er nach und kletterte durch ein Fenster ins Freie. Sofort verriegelte der Müllerssohn alle Fenster, die er finden konnte. Dieser waren zwanzig, denn die Mühle hatte mehrere Stockwerke.

Nun müsste Ruhe einkehren, dachte er. Doch nach einer weiteren unruhigen Nacht fand er den Land­streicher selig schlafend zwischen zwei Mehlsäcken. »Zum Kuckuck!« rief der Müllerssohn. »Nun reicht es ganz und gar! Wie bist du hereingekommen?« Der hartnäckige Geselle gähnte laut und erwiderte schlaf­trunken: »Guter Mann, nun sehen sie sich doch einmal um! Die Löcher in der Wand sind groß genug, um einen Esel hereinzulassen!« Gähnend trottete er durch eines der Löcher hinaus ins Freie. Nun setzte der Jüngling alles daran, sämtliche Löcher in der Wand zu stopfen – und waren sie noch so klein. Doch damit nicht genug. In den folgenden Wochen schuftete er Tag und Nacht. Er fegte nicht nur jede Ritze aus, sondern setzte auch das Windrad wieder in Gang, das schon seit einiger Zeit still stand. Bald pflegte er Beziehungen zu den Bauern in der Gegend, die ihn mit frischen Körnern belieferten.

Zu seiner Zufriedenheit blieb der Landstreicher fern und auch das Geziefer zog sich zurück. Doch der frisch gebackene Müller war einsam. »Seit ich alle Türen, Fenster und Mauern verschlossen habe, spüre ich den Wind nicht mehr,« sagte er zu sich selbst. »Ich weiß nicht mehr, wie es ist, frei zu sein, mit den Vögeln zu singen und mit den Füchsen um die Wette zu laufen.« Er tröstete sich damit, dieses Leben selbst erwählt zu haben und verrichtete jeden Tag getreu seine Arbeit.

Da klopfte es eines Tages an die Tür, laut und deutlich. Doch als der Jüngling öffnete, sah er niemanden, der Einlass begehrte. Kaum hatte er die Tür wieder geschlossen, klopfte es erneut. Es musste aus dem Inneren des Hauses kommen! Etwas ängstlich schlich er durch Räume, bis er die im Boden eingelassene Kellertür entdeckte. Das Klopfen kam von dort. Hatte sich der Landstreicher wieder eingenistet? Einen Augenblick lang dachte der Jüngling an seinen Vater, der im Erdreich allerhand Vorräte für schlechte Zeiten einzulagern pflegte. Schließlich fasste er all seinen Mut und öffnete die Tür unter lautem Knarzen. Ein wunderschönes Mädchen entstieg der Kellertreppe, feengleich. Es hatte lange, blonde Haare und trug ein weißes Kleid, das von einem himmlischen Schein umgeben war.

»Ich heiße Anima,« sprach die Feenfrau und umarmte den jungen Mann. »Komm‘ mit!« forderte sie ihn auf und nahm ihn an der Hand. Stufe um Stufe erklommen sie die Wendeltreppe im inneren der Mühle, bis sie schließlich im obersten Stockwerk angekommen waren. Dort saßen sie nun, ganz in der Nähe der Windrad­achse. Diese bewegte sich bedächtig und fast geräuschlos. »So also hört sich der Wind an,« flüsterte sie, trat an das nahe Fenster und öffnete es. Sogleich blies sanft der Wind herein und streichelte die Haut des jungen Mannes. Dieser atmete tief durch und genoss die Freiheit, die der Wind verhieß. Unwillkürlich erinnerte er sich an die Freiheit aus den Tagen seiner Wanderschaft, die doch nicht vergleichbar war mit dem, was er jetzt fühlte. »Ja,« rief er. »So soll es sein!« Und die Frau an seiner Seite lächelte.