Undenklich danke

»Meine Wurzeln reichen bis in die Hölle, meine Äste bis in den Himmel,« sagte er mit durchdringendem, aber weichem Blick. Soeben zog die Dunkelheit herauf, die Jalousien waren bis auf ein paar Schlitze geschlossen. Eine ungewöhnliche Situation. Ihre Freundin musste kurzerhand weg, Bereitschafts­dienst. Nun war sie hier mit ihm allein, eigentlich nichts Ungewöhnliches. Und doch lag eine gewisse Spannung in der Luft. Keine sexuelle Spannung zwischen Mann und Frau. Oder doch? Nein, es war auf einer anderen Ebene. Wieso sagte er so etwas? So etwas sagt kein normaler Mensch! Und doch wollte etwas in ihr diese Worte hören. Er schien bewußt mit diesem Etwas zu kommunizieren.

»Ich kenne den Zustand vor allen Worten und den Zustand jenseits aller Worte.«

»Warum sagst du das? Ich bin nicht in der Stimmung für tiefe Gedanken.«

Mit einem fast zärtlichen Lächeln füllte er die entstandene Pause. Sodann hob er an: »Trifft mich der Hieb eines gehässigen Dämons, zieht es mich hinab in seine Tiefen des Leids. Doch berührt mich das Werk eines inspirierten Künstlers, erhebt es mich in seine Höhen der Ekstase.«

Trotz allen Widerstands drohte sie in seinen Augen zu versinken. Sollte sie den Blick abwenden? Könnte er sexuelles Interesse hineininterpretieren? Warum sagte er das alles? Stand etwa auf ihrer Stirn geschrie­ben: ‚Ich bin todunglücklich, erhelle mich mit deiner Lebens­weisheit‘? Ja es stimmte: Sie war todunglück­lich. Seit sie schmerzlich erfahren musste, dass ihre engsten Arbeits­kollegen seit Monaten gegen sie intrigiert hatten, war ihr Hass am Überschäumen: Nicht der Hass gegen die Kollegen, sondern der Hass gegen sich selbst und das Leben im Allgemeinen.

»Um im Streben nach dem Himmel aufzugehen, versiegelte ich die Hölle. Und siehe da: Der Dämon brach heraus und zog mich gewaltsam hinab. Ich kämpfte aus Leibeskräften und verbannte ihn erneut in sein dunkles Reich. Der unendlichen Erschöpfung nahe widmete ich mich wieder dem Streben nach dem Himmel.«

Unversehens nahm sie den Faden auf: »Doch der Dämon brach heraus und zog dich gewaltsam hinab.«

»Ja,« sagte er und bedachte sie mit einem anerkennenden Lächeln. »So ging dies viele Jahre.«

»Und, wer hat gewonnen? Du oder der Dämon?« Sie versuchte, die Anspannung mit der ihr eigenen Koketterie zu lösen.

»Na ja, zuerst hieß es 11:0 für den Dämon.« Hatte sie ihn etwa um seinen Pathos gebracht? Beinahe bedauerte sie dies, als er fortfuhr: »Doch dann dämmerte mir: Die Hölle ist ebenso erstrebenswert wie der Himmel. Sagte nicht Jesus schon: ‚Die Hölle ist mitten unter euch‘?«

»Das Himmelreich,« korrigierte sie, »das Himmelreich!«

»Ach ja, stimmt!« bemerkte er süffisant. »Das Himmelreich muss dort sein, wo sich Himmel und Hölle versöhnlich in den Armen liegen.«

Sie konnte seinen Wortspielen nicht gänzlich folgen. Fast unbemerkt war das melancholische, weise Lächeln in seinem Gesicht einem schelmischen Grinsen gewichen. Er hatte es tatsächlich geschafft, sie aufzumuntern. Mit einem Mal wurde sein Blick wieder ernster. Er streckte ihr seine geöffneten Handflächen entgegen und sprach beinahe salbungsvoll: »Schließe die Augen und reiche mir deine Hände. Ich nehme dich mit auf eine Reise.«

Sie tat wie ihr geheißen. War dies eine Art von Meditation? Sie beschloss, sich darauf einzulassen und versuchte, zur Ruhe zu kommen. Schon bald verschwand alles in ihrer Wahrnehmung. Ein inniges Empfinden von tiefem Blau, das unermeßlich weit ins Universum reicht. Der Zustand vor allen Worten. Der Zustand jenseits aller Worte. Gleichzeitig. Wer war dieser Mensch? Sie verstand es nicht und wollte es auch nicht verstehen, während ihre Füße allmählich wieder dem Boden entgegenschwebten.

Sanft zog er seine Hände zurück und fragte: »Alles okay?“
Sie nickte geistesabwesend und starrte durch ihn hindurch. Das war es also, wovor sie stets Angst gehabt hatte. Und wofür sie ihn insgeheim bewundert hatte, ohne es zu wissen. »Ja,« sagte sie schließlich und fügte benommen hinzu: »Undenklich danke!«