Vom Seilhänger

Kurze Zeit nach dem Tod des Meisters gelangte Erikrates zu einer Stadt an den Wäldern. Auf einer großen Wiese an ihrem Rande befand sich ein Jahrmarkt im Aufbau. Daselbst fand er viel Volk versammelt, das so manche Kuriosität beschaulustigte.

Ein schmalbrüstiger Bursche mit langem Haar hing hoch in der Luft an einem Seil und hielt sich mit beiden Händen verzweifelt daran fest. Sein schmales Gesicht war von tiefer Anstrengung zerfurcht. Er schrie: »Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr! Zeit meines Lebens hänge ich hier, aber nun verlassen mich meine Kräfte!«

Das Volk amüsierte sich über ihn mehr als über einen stämmigen Mann in einem Käfig, der drei Arme besaß. Alle Finger zeigten hinauf zu dem Seilhänger, der sich nach Kräften abmühte, nicht abzustürzen. Die Leute sagten: »Seht nur, wie er sich hängen lässt! Wären wir alle so wie er, gäbe es kein Brot zu kaufen, keine Automobile und keine Anteilsscheine!«

Unterdessen schrie der Seilhänger: »Ich werde abstürzen! Meine Kräfte verlassen mich!« Erikrates betrachtete die Szene und versuchte auszumachen, woran das Seil verankert war. Tatsächlich aber konnte er nicht einmal die Enden des Seils erspähen. Welcher Spannung musste das straffe Seil ausgesetzt sein, wenn seine Enden unermeßlich weit auseinander lagen?

Erikrates wußte: Keine seiner Lehren oder der Lehren seines Meisters vermochten dem Gequälten Abhilfe zu verschaffen. Wie sollte Erikrates ihm raten, sich seitwärts zu hangeln, wenn noch nicht einmal die Anker des Seils auszumachen waren? Was wäre es für ein Rat an den Seilhänger, sich einfach fallen zu lassen, wenn er durch den Aufprall schwere Verletzungen erlitte? Und siehe da, das Seil begann bereits zu reißen. Selbst wenn der Unglückliche seine letzten Kräfte aufböte – das Seil gäbe ihm nicht mehr lange Halt.

Also rief Erikrates das Volk mit gestrenger Stimme zusammen: »Seht her! Dieser Mann wird zu euch hernieder fallen! Es sind euer genug, um ihn aufzufangen! Zaudert nicht, denn es wird geschehen, noch ehe ihr euch aus dem Staub machen könnt!«

Doch das Volk verschloss sich seinen Worten. Es wich zur Seite, noch bevor der Seilhänger im Fallen begriffen war. Dieser schlug umringt von einer Menschenmenge auf festem Boden auf. Als Erikrates in das Gesicht des Abgestürzten blickte, erkannte er darin einen seiner Schüler. Darauf hatte ihn sein Meister nicht vorbereitet.

Er war am Boden zerstört.