Vom Tod des Meisters

Nach weiteren sieben Monden trafen Saryatham und sein Schüler Erikrates auf einer Anhöhe unweit des Tales aufeinander. Dieses Mal war es der Schüler, der sich der Worte bemüßigte. Also sprach Erikrates:

»Verehrter Meister! Ihr spracht mir von den Konzepten. Ja, Ihr hattet recht: Ich wägte, sie zu töten und sie kämpften um ihr Überleben. Doch verzeiht mir, verehrter Meister,« und er machte eine ausladende Verbeugung, »das widerspenstigste von ihnen wart ihr! Und so musste ich euch töten!«

Nach einer bedächtigen Pause, während derer der Meister seinen Schüler schweigend ansah, hob dieser erneut an:

»Ihr kämpftet wahrlich meisterlich und gabt nicht dem zehnten meiner Hiebe nach. In den letzten Winkel meines Geistes hatte es euch verschlagen, wo ihr bedächtig ausharrtet, bis ich euch mit Mordgelüsten aufsuchte! Ich vertraute euch! Ich schenkte euch all meine Aufmerksamkeit, all mein Sehnen! Und doch nahmt ihr mir die Freiheit, mit all euren klugen Lehren und Weisheiten! Nicht ein einziges eurer Worte war wahr. Und so nenne ich euch einen Lügner!

Sehet das Volk: Es zieht nicht in die Berge, es lebt mitten im Tal. Dort vermählt sich das Weib mit dem Manne, auf dass sie fruchtbar seien. Sie malochen für ihr täglich Brot und sorgen sich um ihr Kind. Erdulden die Machenschaften der Oberen. Wenn das Volk so lebt, dann will ich es ihm gleichtun! Denn wie kann ich von ihm lernen, wie kann ich ihm Vorbild sein, solange ich nicht im selben Tal wandle!

Wie oft zürnte ich wider Gott! Doch ihr, verehrter Meister, zürntet wider das Weib und das Kind! Nun, ich kann’s euch nicht verdenken, denn es ist das Schwerste, welches Gott den Menschen aufgab. Doch ist’s nicht schwer durch die Natur, sondern durch die Konzepte, die man uns anlastete. Durch all die Konzepte, die ihr uns anlastetet! Und darum musste ich euch töten!«

Der Meister nahm all dies hin und entgegnete kein Wort. Bald füllten Tränen seine Augen. Er konnte sein Glück nicht fassen. Nun war das Zeitalter angebrochen, da die Meister unter den Menschen lebten und sich nicht mehr aus der Welt zurückziehen mussten. Nicht in die Klöster, nicht in die Berge. Kurz bevor er seinen letzten Atemzug tat, dachte er bei sich: »Ich habe die Konzepte weise gewählt!«

Der Meister, er war tot.