Von den Konzepten

Als Saryatham wieder einmal vom Berg herunterstieg, traf er seinen Schüler Erikrates und musterte ihn zufriedenen Blickes. Ja, abermals musste er Worte bemühen, obwohl Worte dem wahren Erkennen entgegen stehen. Aber ist es nicht wie in der Medizin? Kann nicht auch ein Messer verletzen und heilen zugleich? Also sprach Saryatham:

»Sage nichts! Ich sehe, du bist gequält Tag und Nacht! Kein Auge hast du zugetan, seit wir uns das letzte Mal sahen. Du zürnst wider Gott, obwohl du weißt, dass er deinen Gedanken entspringt. Du fragst dich: ‚Wie kann ich mich befreien?‘ Du haderst mit Gott, weil er dich stärker straft als deine Nächsten, die nur das Physische kennen! Wie hast du verdient, an dir Selbst zu verzweifeln? Du, der du dem Metaphysischen zugetan bist! Und so sage ich dir:

Wenn du auch nicht das Manifeste hältst – nicht Reichtum, nicht Ansehen, nicht das Weib – umso manifester hältst du deine Konzepte. Weil du wägst, sie zu töten, kämpfen sie um ihr Überleben. Wahrlich, sie sind lebendig! Hat man solcherlei schon gehört? Sie sind deine Schöpfung und doch walten sie über dich! Es sind die Geister, die du riefst!

Gewahre dies: Dies ist der Irrtum aller Wissenschaft! Dies ist der Irrtum der aufgeklärten Menschheit! Nicht durch das Denken erkundet ihr die Welt, durch das Denken erschafft ihr die Welt. Ihr habt beobachtet, gemessen und nachgedacht – aufgeschrieben, gestritten und nachgemacht – wieder und wieder. Derart wolltet ihr die Welt erkunden, als ob sie euch ein Fremdes sei. Und siehe da: Ihr entdecktet euch Selbst. Doch erlaube dir, dieser einen Feinheit innezuwerden: Ihr entdecktet euch Selbst, weil ihr euch beim Schöpfen zusaht.

Eure verehrtesten Geistesgrößen, sie haben euch die Welt nicht näher gebracht. Sie haben erhabenere Welten erschaffen! Und so erkenne deine Unrast: Wie sollst du je zur Ruhe kommen, wenn du eine Schrift liest, einem Vortrag lauschst oder einem Meister folgst? Du wirst in ihnen nicht die Welt finden. Du wirst nur eine von vielen Welten finden, die einer von vielen Schöpfern erschaffen hat. Wenn du dich der Konzepte anderer bedienst, so tue dies, um zu zeigen: Neben meiner Welt gibt es viele!

Dies ist mein Auftrag an dich: Wenn du dir Selbst kein Konzept mehr bist, reiche deinen Nächsten die Hand! Führe sie zu deinen Höhen, indem du ihnen Trittstufen baust aus Konzepten. Und sage ihnen nicht: ‚Alles ist eins!‘ Dies wäre sehr töricht.

So hüte dich! Du hegst Konzepte glänzender Schärfe! Mit ihnen trenne Geschwüre ab, die sonst nur ihren Wirt erwürgten. Schneide nicht ins heile Fleisch! Wie ein Messer im physischen Körper nur schadet ohne die liebende Hand, die es führt, so schadet ein metaphysisches Messer ohne den liebenden Geist, der es führt.

Nun prüfe, ob du der Liebe Wohnstatt bist! Eure verehrtesten Geistesgrößen taten es nicht! Die Schärfe ihrer Konzepte drang ihnen tief ins Fleisch auf dass sie verbluteten und qualvoll jedes Leben aushauchten. Wer weiß, ob nicht der tausendste Teil deiner Selbst daran zerbrach?

Du sollst errichten und abtrennen. Trittstufen errichte ihnen, damit sie deine Höhen erklimmen. Trenne ab von ihnen, was sie behindert. Ein Letztes will ich dir verraten: Wenn sie dich bezichtigen, dich anklagen und wider dich wüten, dich einen Lügner nennen – dann wirst du wissen: ‚Ich habe die Konzepte weise gewählt!’«