Von der Sichtprüfung

Gut, dass sie eine Kanne warmen Tees dabei hat. Heulend streift der Eiswind um ihren Körper, während sie kleine Schlücke nimmt. Das Pelzimitat umrahmt ihr liebliches Gesicht, in das erbarmungslos die Schneeflocken schlagen. Vier Stunden ist sie nun unterwegs, doch gefunden hat sie ihn noch immer nicht. Eva zweifelt an ihrem Verstand. Wie konnte sie so verrückt sein, ihr Leben aufs Spiel zu setzen? Gedankenverloren steht sie da, mit Kanne und Becher in der Hand, im zentimetertiefen Schnee. Der Mond am Nachthimmel erwidert ihren Blick als rufe er sie zu sich. »Geh weiter, meine Liebe, geh weiter!« Doch warum?

Der Widerhall des Donners lässt sie nicht los. Eine Lawine hat den zurückliegenden Weg verschüttet, vor einer Stunde. Wie durch ein Wunder ist Eva weit genug entfernt gewesen, doch der Schreck sitzt noch in Mark und Bein. Ein beklem­mendes Gefühl ungekannter Hilflosigkeit beschleicht sie. Sie packt die Teekanne wieder ein und setzt sich mit der Entschlossenheit einer Überlebenden in Bewegung. Der Schnee knirscht, die Schuhe halten dicht. Ungewöhnlich hell funkelt die schneebedeckte Berglandschaft. Die Tannen zu ihrer Linken werden immer spärlicher, zu ihrer Rechten klafft der Abgrund. Angst, abzustürzen, hat sie nicht. Breit genug ist der Weg. Ihre größte Angst ist die, ihre Risiko­bereitschaft und Mühe könnten sich nicht gelohnt haben.

Da, ein Vogelschrei aus nächster Nähe. Erschrocken sieht sie sich um und erblickt einen Falken über sich. Er zieht Kreise und ist verschwunden. Von einem Moment auf den anderen. Ein Falke in der Nacht? Woher Eva die Kraft hat, weiter­zugehen, weiß sie nicht. Der Weg ist steil und doch gut zu bewältigen. Würde sie ihn je finden? Den Weisen, um dessen bloße Existenz sich Mythen ranken? Es heißt, er sehe sehr jung aus. Wie dumm von ihr, ausgerechnet mit ihm ein Interview führen zu wollen! Sie könnte das Interview geradewegs fingieren. Glauben wird ihr ohnehin niemand. Na ja, ein Foto mit sich und diesem Weisenkind will sie schon haben. Für die Annalen.

»Reiß dich zusammen!« ermahnt sich Eva streng, »Sei froh, wenn du heil hier rauskommst!« Ruckartig weicht sie zurück, als der Falke einige Meter vor ihr niederstürzt. Etwas verwirrt und mulmig geht sie weiter. An der Stelle, wo der Vogel den Schnee aufgewirbelt hat, erscheinen die Umrisse einer Menschengestalt. »Hallo?« ruft Eva vorsichtig. »Hallo!« ruft sie etwas lauter, da sie sich nicht sicher ist, ob ihre Stimme im Wind zu vernehmen ist. Die Gestalt kehrt ihr den Rücken zu und blickt stoisch in die Ferne. Keine Regung. Eva findet sich auf einer Hochebene wieder, den Elementarkräften schutzlos ausgeliefert.

»Keine Angst,« hört sie die Gestalt sagen. Es ist eine Männerstimme. Behutsam wagt sich Eva vor, bis an die Seite des einsamen Nachtwanderers. Dennoch bedenkt er sie mit keinem Blick und starrt weiter hinaus in die Ferne. Was vermag er dort zu sehen? Bei Tag ist der Ausblick sicherlich atemberaubend, doch nicht bei unmenschlichen Verhältnissen in der Nacht. Dort draußen, in der Ferne, herrscht dunkle Leere. Wegen der klirrenden Kälte kann Eva kaum ihre Sprech­werkzeuge bedienen. Doch ist dies nicht der einzige Grund, warum sie kein Wort herausbringt. Zwei Menschen treffen sich unter akuter Bedrohung und anstatt in rettenden Kontakt zu gehen, starrt einer von beiden ins Nichts.

»Äh,« beginnt Eva zu stammeln, »sind Sie…?«
»Ob ich dein Partner bin?« gibt die Stimme zurück.
»Äh, ja, Interview-Partner.«
»Hat dich Saryatham geschickt?«
»Saryatham? Wer…? Wieso…?« Eva versteht die Welt nicht mehr.
»Ja, Saryatham, der Weise. Du suchst ihn doch, nicht?« Noch immer starrt der Andere in die Ferne ohne die Frau an seiner Seite mit einem Blick zu bedenken.
»Ich bin auf der Suche nach dem Weisen, von dem so viele sprechen. Ich weiß nicht, ob Saryatham gemeint ist.«
»Aber er hat dich doch gerufen, nicht?«
»Unglaublich!« Jetzt platzt es aus Eva heraus. »Ich stehe hier nicht zu meinem Vergnügen! Ich erfriere bald, der Wind drängt mich an den Abgrund, der Weg zurück ist mir versperrt. Womöglich habe ich denjenigen gefunden, den ich suche, doch der gehabt sich wie ein ignoranter Blödmann!«
»Sarytham ist tot,« fuhr der Blödmann unbeirrt fort, »doch er hat dich gerufen. Siehst du den Mond?« Wie von Sinnen streckt er Arm und Zeigefinger zu besagtem Gestirn aus. »Ich bin Erikrates. Saryatham hat auch mich gerufen.«
»Und warum um Himmels willen siehst du mich nicht an?« Pure Verzweiflung bricht aus Eva heraus.
»Solange du mich im Außen suchst, verdirbt dich mein Blick, und er verdirbt auch mich. Beziehe dich nicht auf mich, denn ich verdrehe dir den Kopf. Beziehe dich auf dich. Ich Selbst habe noch einige Schritte vor mir.«
»Siehst du nicht, dass deine Schritte in den Abgrund führen!«

Mit der Inbrunst tiefster Verzweiflung sinkt Eva zu Boden und weiß doch nicht, warum. Wie im Wahn reibt sie sich über und über mit Schnee, der im Fluss ihrer glühenden Tränen talwärts strömt.

Völlig außer Atem, und doch von zauberhaften Flötenklängen umgeben, erwachte Eva. Völlig ungehalten trippelte sie zum Schreibtisch. Nach nur einer Stunde war der Artikel fertig. Als sie zufrieden aus dem Fenster sah, zog fern am Himmel ein Falke vorüber.