Von der zerbrochenen Schale (1)

Noch am Tage der Geschehnisse auf dem Jahrmarkt hatte sich ein ehrbarer Mann erboten, Erikrates in sein Haus am Fuße des Berges aufzunehmen. Nachdem Erikrates dankbar angenommen und einige Tage im stillen Gedenken an den Verunglückten verbracht hatte, gab er dem Drängen seiner verbliebenen Schüler nach und lud diese zu sich ein. Alsbald waren sie auf dem Fußboden in der Mitte des Hauses versammelt und warteten. Die Töchter und Söhne der Gastgeberfamilie brachten allerlei süße Früchte herein und ließen sich ebenfalls auf dem Boden nieder. Also sprach Erikrates:

»Ich habe euch nicht viel zu sagen, denn ich sagte euch bereits zu viel. Meinen Lippen entsprangen Worte wie:
‚Lebe deinen Traum!‘
‚Nutze Dein Potenzial!‘
‚Es ist so einfach!‘
‚Befreie dich!‘

Als ich meinen Schüler, euren Freund, darnieder liegen sah, gewahrte ich: Jene Worte können genauso zum Verderben führen wie zur Erlösung. Daher misstraut mir und fragt euch stattdessen: ‚Was ist mein Traum?‘ Ist es mein Traum, eine Familie zu gründen? Reichtum zu erlangen? Eine Gefolgschaft auf mich zu vereinen? Ich sage euch: All diese Träume handeln von Unsterblichkeit.

Nun fragt: ‚Wie werde ich unsterblich?‘ Und ich entgegne euch: Stellt eine klügere Frage, denn niemand kann unsterblich werden. Wir alle sind unsterblich. Fragt lieber: ‚Wie bin ich unsterblich?‘ Und ich entgegne euch: Indem ihr euch auf das Göttliche in euch besinnt, denn das Göttliche wurde nicht geboren und wird niemals sterben.

Doch was sind göttliche Qualitäten? Einkehr, Einfachheit, Einfühlungsvermögen… Vergesst all diese Konzepte, denn sie verführen euren Verstand. Vergesst selbst das Konzept der Liebe, obschon es euer gesamtes Potenzial beschreibt. Liegt euer Potenzial darin, euren Kindern zu geben was ihr nicht hattet? Einer Arbeit nachzugehen, die jegliche materielle Sorge verblassen lässt? Lehren auszusprechen, die bald in aller Munde sind? Ja! Doch nur, wenn es Zeugnisse der Liebe sind.«

Wachspastell Hokidan

Einer der Zuhörer wurde ungeduldig und warf ein: »Du sprichst von der Liebe wie alle Meister, denn das ist Tradition. Wie aber soll ich meinen Nächsten lieben, wenn meine Kinder hungrig sind, mein Dienstherr meine Arbeit nicht schätzt und ich den Oberen Steuern schulde?«

Erikrates antwortete: »Ich sprach nicht von der Nächstenliebe. Ich sprach von der Liebe und diese ist Selbstliebe. Wenn du dich Selbst nicht liebst, während du deine Arbeit verrichtest, deiner Familie dienst und den Herrschenden das Ihre zollst, kannst du auch deinen Nächsten nicht lieben. Daher erkenne, was du verändern musst, um dich Selbst lieben zu können.

Etwas zu verändern ist nicht einfach, denn Du hast zwei Möglichkeiten: Du kannst das Äußere verändern und du kannst das Innere verändern. Wenn du dich grämst, weil das Brot für deine Kinder nicht reicht, dann gib ihnen, was du hast. Doch vertraue, dass Gott es gut mit ihnen meint und du wirst dich Selbst lieben. Wenn du keine andere Möglichkeit siehst, an Geld zu gelangen, dann gehe einer Arbeit nach. Doch mache sie zu einem Gottesdienst und du wirst dich Selbst lieben. Wenn du die Steuern nicht verweigern willst, weil du Strafe fürchtest, dann entrichte sie. Doch sehe im Zoll an die Oberen deinen Zoll an Gott und du wirst dich Selbst lieben.«

Eine seiner Getreuen, eine junge, schöne Frau, forderte ihn heraus: »Du sagst, es sei nicht einfach und doch gehabst du dich, als sei es das Einfachste auf der Welt!«

Eine lange Pause entstand, während derer sich niemand aus der Gruppe einer weiteren Äußerung erdreistete. Schließlich drängte sie weiter: »Wieso berufst du dich auf Gott, wenn du behauptest, er entspringe nur unseren Gedanken? Und warum…?« Ein lautes Klirren beendete ihren Satz. Die Schale, in der das Obst gereicht wurde, war unüberhörbar zu Boden gefallen und entzwei gesprungen. Eifrig bemühten sich ein paar der Zuhörer, die Fruchtstücke wieder einzusammeln.

Da nahm Erikrates die junge Frau zur Seite und flüsterte ihr zu: »Ich danke dir, meine Liebe. Dein Mut offenbart, dass du dich Selbst mehr liebst als mich. So ist es recht. So wie ich mich einst von meinem Meister befreite, lass mich nun ziehen. Zaudere nicht, denn das Zeitalter der Meister ist vorbei. Es wird dir niemand Halt geben, doch wirst du anderen Halt geben, weil du ihn allein in deinem Inneren findest.«

In der Gruppe breitete sich Unruhe aus, da Erikrates der jungen Frau ganz offensichtlich den Vorzug vor allen anderen Schülern gab. Er richtete sein letztes Geleitwort an sie: »Du befreist auch mich – um die Verantwortung für einen meiner Schüler. Und ich danke dir, dass du davon absahst, mich zu töten.«