Von der zerbrochenen Schale (2)

»Es mutet befremdlich an,« las sie vor, »dass die Zukunftsvisionen der Menschen nur von intelligenter Elektronik handeln, als ob man den Tod damit überwinden könne. In unserer so genannten Ersten Welt haben wir keine materiellen Sorgen mehr, doch statt unser menschliches Bewusstseins weiter zu entwickeln, träumen wir von Braindroid-Chips in unserem Gehirn. So finden wir nicht nur keine Antworten auf die existenziellen Fragen des Daseins, sondern schieben sie beiseite wie die letzten Überlebenden des Analog-Zeitalters.«

»Hä? Schreibst du wieder einen dieser Artikel?« Er saß gerade am Frühstückstisch und wollte sich ausschließlich der Zeitung widmen, ihrer Zeitung versteht sich. Seit Eva ein gewisses Alter erreicht hatte, hielten diese Was-ist-der-Sinn-des-Lebens-Fragen sogar in ihr Berufsleben Einzug. Wohlgemerkt war sie damit erfolgreich. Es entsprach offenbar dem Zeitgeist, dem er jedoch wenig abgewinnen konnte.

»Was heißt hier: ‚einen dieser Artikel‘? Schließlich geht es um gewichtige Fragen wie: Wozu sind wir hier auf dem Planeten Erde? Warum gibt es nicht einfach nichts? Warum verwechseln die Menschen andauernd Beziehungskisten mit Liebe?«

»In welchen schwarzen Löchern verschwinden die Puzzle-Teile im Kinderzimmer? Warum gedeihen Cranberries nur in englischsprachigen Ländern? Das sind die entscheidenden Fragen der Menschheit, die mich interessieren. Schreib doch darüber mal einen Artikel!« Er hoffte, den Philosophievortrag seiner Frau stoppen und sie damit aufstacheln zu können. Dass ihm letzteres gelungen war, bekam er sofort in Form eines beigefarbenen Kissens zu spüren, das aus Richtung der Couch angeschossen kam. Dort brütete Eva über ihrem Laptop. Irgendwie liebte er diese Frau immer noch, nach all den Jahren, auch wenn sie zielsicher in Richtung Midlife Crisis schlitterte.

»Weißt du, was interessant ist?« fuhr sie unbeirrt fort. Er wandte sich wieder der Zeitung zu und hörte nur mit halbem Ohr hin. »Ich bin bei meinen Recherchen auf ein Genre in der Literatur gestoßen, das diese Sinnfragen auf eine bestimmte Art verhandelt. Kennst du Nietzsches Zarathustra? Gibrans Prophet? Coelhos Schriften von Accra? Es spricht immer eine Art Meister oder Lehrer über Fragen der Menschheit.«

»Ja und?« In all den Jahren hatte er gelernt, Eva einfach reden zu lassen. Und sie redete einfach. »Na ja, es gibt da vier einzelne Texte, weit weniger umfangreich und prominent. Sie handeln von einem Meister namens Erikrates. Eigentlich sind es mehrere Meister, die sich in kurzer Folge die Klinke in die Hand geben.«

»Und, was hat das mit deinem Artikel oder deinen Sinnfragen zu tun?« Diese seine Frage unterbrach Evas Redefluss. Sie ärgerte sich insgeheim. Auch wenn er nur halb hinhörte, brachte er es immer wieder fertig, berechtigte Einwürfe dahinzunuscheln. Sie wußte es selbst noch nicht, worüber sie schreiben würde.

»Ich meine, kann sich jemand hinstellen und sagen: ‚So ist das, liebe Leute! Ich habe die Weisheit mit Löffeln gefressen! Folgt mir und alles wird gut!’«

»Du meinst, wie es in den spirituellen Traditionen üblich war und teilweise noch ist? Wenn ihr befolgt, was der Pfarrer sagt, dann erwartet euch die Erlösung im Himmel! Oder wie im Osten: Folgt dem Guru, er weist euch den Weg zur Erleuchtung!«

»Ja genau. In unserer westlichen Welt räumen viele Leute der Wissenschaft eine solche Allmachtsstellung ein. Denk doch nur an all die Gesundheitsratgeber. Gestern solltest du den Kindern Spinat am besten intravenös verabreichen – heute ist es Fischöl. Gestern noch hatte jeder kiloschwere Wasserflaschen im Gepäck – heute wissen wir, dass die Schlepperei umsonst war. Gestern sollte man sich auf Teufel-komm-raus bewegen – heute sprechen sich manche für Exorzismen aus. Einige Wissenschaftler werden nahezu religiös verehrt. Dabei lässt sich für jede gewünschte Aussage die passende Statistik aufstellen. Na ja, unsere so genannte Informations­gesellschaft macht ohnehin jeden zum Experten! Auch ohne wissenschaftlichen Anspruch. Sieh dir all die Blogs an, die Produktbewertungen und selbst gedrehte Videos! Das ist nicht alles schlecht. Man muss sich eben nur den Content suchen, der zum eigenen Weltbild passt. Ein allgemein akzeptiertes Richtig und Falsch gibt es nicht mehr.«

»Tja, wenn das Internet diese Erkenntnis fördert, hat es doch schon eine Menge für die Menschheit getan!« Schon wieder so ein lapidarer Kommentar von ihm. Eva wusste nicht genau, ob sie sich über seine Gesprächsteilnahme freuen sollte. »Du bist mal wieder ganz schön in Fahrt. Was ist eigentlich dein Problem?«

»Woran soll man sich orientieren?« erwiderte sie. »Ich meine jetzt nicht dieses Fischöl. Sondern das Leben. Woran soll man sich im Leben orientieren? Früher hat einem der Pfarrer oder der Guru die Antworten vorgegeben. Oder ein Wissenschaftler. Heutzutage glauben die Menschen irgendwie, dass ihnen dieses elektronische Zeug Lebenssinn spendet. Und womöglich den Tod erspart. Aber… Stattdessen relativiert dieses Zeug alles.« Sie musste an die Erikrates-Texte denken. In einem von ihnen sagt Erikrates zu einer jungen, schönen Frau: »Das Zeitalter der Meister ist vorbei, doch wirst du anderen Halt geben, weil du ihn allein in deinem Inneren findest.«

»Halt in meinem Inneren,« dachte sie. Natürlich musste es zwangsläufig überfordern, Halt im Außen zu suchen. Man verliert sich in all dem ‚Content‘. Doch Halt im Inneren? Was verbindet die Menschen noch, wenn jeder sein individuelles Richtig und Falsch im Inneren findet? Worauf soll sich eine Gesellschaft gründen, wenn sich die einen mit der neuesten App begnügen, die anderen aber nach Tieferem suchen? Sie fröstelte bei dem Gedanken, mit ihrer individuellen Wahrheit alleine dastehen zu müssen.

Abermals unterbrach er ihren Gedankenfluss: »Hast du schon mal daran gedacht, dass du auch einer dieser Content-Erzeuger bist? Ich meine, du schreibst doch diese Artikel. Zwar bei einer angesehenen Zeitung. Aber gibt dir das mehr Recht, deine Meinung kundzutun? Und wenn es so furchtbar ist, dass es kein Richtig und Falsch mehr gibt, warum schreibst du dann noch? Schließlich kannst du nichts Richtiges mehr schreiben!«

»Aber auch nichts Falsches!« gab Eva schnippisch zurück. Sie liebte ihren Beruf und würde ihn niemals wegen philosophischer Spitzfindigkeiten aufgeben. Mehr und mehr sympathisierte sie mit dieser jungen Frau aus dem Text. Wer hatte den Text eigentlich geschrieben? Und wann? Konnte es sein, dass…

Da kam unter lautem Getöse ihr Ältester um die Ecke gebogen. Ihr Mann hielt ihn auf mit den Worten: »Wolltest du der Mama nicht noch etwas sagen?« »Ach ja,« sagte der Sohn schnell, »mir ist vorher die Schale runtergefallen, du weißt schon, die Obstschale! Sorry.« Sprach’s und verschwand in Richtung Schule.