Weihnacht ist immer

Es gab Momente,
da war ich der lichtfunkelnde Diamant
im Kronenzacken eines Monarchen,
dessen Gesicht ich nicht sah.

Es gab Momente,
da war ich ein Dahinsiechender
im fahlen Schatten der Straßenlaterne.

Und es gab Momente,
da war ich ein Windhauch
im Meer der ungesagten Worte.

Doch als ich mit nachtumspielten Augen in die Ferne blickte,
erkannte ich das Morgengrauen umsäumt von Tannenwipfeln.
Ich wurde gewahr.
Und doch war ich immer alles zugleich.

Trennstrich

Der Wecker klingelte. Vielleicht sollte dies wieder einer der Tage werden, an denen nichts Besonderes geschah. Ich würde aufstehen, ein warme Dusche nehmen, mich anziehen und einen Viertelliterpack aus dem Kühlschrank nehmen. Einen Strohhalm einstechen und Kakao ziehen. Als ich so dasaß, fiel mir das abgebrannte Streichholz auf dem Küchenbuffet auf.

»Wozu, glaubst Du, brauchen Menschen abgebrannte Streichhölzer?« fragte mich eine mir wohl bekannte, sanfte Stimme.

»Na ja, vermutlich um sich zu erinnern, daß dieses Streichholz einmal brannte,« dachte ich bei mir.

»Es hat sich aufgegeben,« sagte die Stimme.

»Es hat sich hingegeben,« meinte die Stimme.

So stand ich auf und ging hinaus auf die Straße. Ein kühler Windhauch pflanzte in den Poren meiner Haut ein zartes »Guten Morgen“. »Danke,« sagte ein alter Herr neben mir und blickte auf seinen Stock gestützt zu mir auf. Sein Rücken war stark gekrümmt.

»Danke wofür?« entgegnete ich.

Er wies mit der Hand zum Himmel und meinte: »Die Zeiten ändern sich, bleib auf der Hut. Vieles wird sich ändern, doch Du wirst Dich niemals ändern. Danke.«

In einem Augenblick suchte ich Kontakt zu der sanften Stimme hinter mir, und als ich ihr leises Atmen vernahm, ging ich weiter. Ich ließ den Mann hinter mir.

»Doch wieder ein Tag, an dem nichts Besonderes geschehen sollte?« bedeutete die sanfte Stimme hinter mir, ohne zu sprechen.

So ging ich weiter und zurrte meinen Mantel ein Stück fester.

Die Zeiten sind kalt.

Ich nahm einen Brocken gefrorenen Schnees vom Straßenrand und betrachtete ihn mit eingehendem Blick. Von allen Seiten. Er besaß so viele Facetten wie eine blanke Münze, die sich im Licht dreht. Ich machte mir einen Spaß daraus, den Brocken in einen tiefen Schneehaufen zu werfen und zuzusehen, wie er im Bruchteil einer Sekunde in seinesgleichen versank.

»Nicht die Zeiten sind kalt,« meinte die Stimme.

»Was sagst du? »

»Nicht die Zeiten sind kalt.«

»Wie soll ich das verstehen?« Ich wandte mich fragend an die Stimme hinter mir.

»Es sind die Eisschichten unter denen das Feuer lodert, das niemand sieht. Es wird das Eis hinwegschmelzen.«

»Du meinst, unter dem Eis lodert ein Feuer,« fragte ich die Stimme.

»Ja, es ist gewaltiger als alles, was du dir denken kannst.«

»Doch warum, ich meine warum, …«

Die Stimme fuhr fort: »Weißt du, es ist wie mit Weihnachtsgeschenken. Sie sind schön anzusehen, mit buntem Papier und einer Schleife« – in diesem Moment verstummte die Stimme. Irgend etwas hatte die Verbindung unterbrochen.

So ging ich weiter und dachte nach. Ich kam zu einer Fußgängerbrücke, die mich über die Straße führte. Absurde Gedanken lieferten sich ein Stelldichein in meinem Kopf.

Wenn in diesem Geschenkpäckchen ein Feuer lodern würde, würde es doch die ganze hübsche Verpackung versengen…

Da begegnete ich einem jungen Kind. Es hielt eine silberne Kugel in der Hand, und kaum ging ich unmittelbar an ihm vorbei – landete die Kugel plötzlich im Schnee. Ich blieb stehen. Das Kind bückte sich, um den Gegenstand aufzuheben und sah dann zu mir auf. Es bedachte mich mit einem Blick, der mir verhieß: Ich kenne dich. Schließlich begann das Kind zu sprechen:

„Es gab Zeiten, da war ich alt. Jetzt bin ich jung, und ich bekam ein Geschenk.« Mein Blick fiel auf die Kugel, die in fahlem Licht schimmerte.
„Du hast Dich nicht verändert.« Das Kind blickte mich an.

Abermals suchte ich den Kontakt zur sanften Stimme hinter mir und ging schließlich weiter. Ich ließ das Kind hinter mir.

»Es wird geschehen.«

Was? Die Stimme hinter mir hatte sich zurückgemeldet.

»Es wird geschehen, dass das Feuer die Verpackung versengen wird,« führte sie näher aus.

»Sozusagen, … , wenn ich mit meinen Händen im Schnee graben würde, könnte es sein, daß ich mir die Finger verbrenne?«

»Du hast es erfasst,« meinte die Stimme.

Ich gin ein Stück weiter.

»Und vergiß nicht: Weihnacht ist immer,« sagte die Stimme und gab sich einem sanften Lächeln hin.